Teich und Teichrand

Teich und Teichrand

Außer kleinen Quellaustritten gab es vor der Gestaltung des Botanischen Gartens keine Gewässer auf diesem Gelände. Infolge der etwas tieferen Lage tritt auch heute noch oberflächlich versickertes Niederschlagswasser aus dem Grüneburgpark und dem höher gelegenen Villen-Viertel nördlich der Miquelallee hier wieder zu Tage. Dieses und Wasser aus einer später unterirdisch angelegten Zisterne dienen der Speisung der beiden Bäche, die wiederum in das größte Gewässer des Gartens, den eutrophen Teich, fließen.

Ein Teich ist – im Gegensatz zum Weiher oder See – immer künstlich angelegt, und eutroph bedeutet nährstoffreich. Das Wasser eines Teiches kann periodisch abgelassen werden, um Schlamm zu entfernen, der sich durch die Zersetzung pflanzlicher und tierischer Biomasse bildet. Zusätzlich werden Sand-, Ton- und andere mineralische Partikel eingespült. Ohne Entschlammung würde der Teich wie jeder natürliche flache Weiher bis mäßig tiefe See allmählich verlanden. Der Teich im Botanischen Garten wird regelmäßig entschlammt, ohne das Wasser gänzlich abzulassen. Auf diese Weise werden vor allem die tierischen Teichbewohner weitest gehend geschont.

Im Teich und an seinen Ufern findet man die im Rhein-Main-Gebiet häufigsten der etwa 100 Wasser- und Sumpfpflanzen, die im Garten insgesamt gesehen werden können. 

Im Gegensatz zu der Mehrzahl aller künstlichen Gewässer in Parks, aufgelassenen Kiesgruben oder bewirtschafteten Fischteichen ist unser Teich eher naturnah. Das heißt, die Vegetation der freien Wasserfläche und des Ufers ist in verschiedene, konzentrische Zonen gegliedert und ähnlich artenreich wie in einem natürlichen flachen Stillgewässer. 

Das Schilf (Phragmites australis) ist mit 2-3 m das „größte“ Gras Mitteleuropas. Es dominiert die Verlandungszone (Schilf-Röhricht) und wächst vom Ufer immer weiter in die Wasserfläche hinein. Weiter entfernt vom Ufer stehen die schlanken, fast ebenso hohen, aber blattlos erscheinenden Halme der Seebinse (Schoenoplectus lacustris). Sie ist in den gemäßigten Klimazonen mehrerer Kontinente verbreitet, während das Schilf eine der ganz wenigen weltweit verbreiteten Arten unter den Samenpflanzen ist, ein echter Kosmopolit – schon vor der „allgemeinen Globalisierung“ der Pflanzenarten durch den Menschen.

Überhaupt ist die Vegetation in und direkt an den Gewässern auf der ganzen Welt viel ähnlicher als die terrestrische Vegetation. Zumindest findet man auf allen Kontinenten die gleichen Gattungen – wenn auch verschiedene Arten – am Wasser; ganz anders dagegen z. B. die Wälder, die sich in ihrer Artenzusammensetzung stark unterscheiden.

Wo ein Schild auf das Großseggen-Ried hinweist, stehen dicht am Ufer die Horste (Bulte) der Steifen-Segge (Carex elata). Zu den eher rasenartig wachsenden Arten gehört die Ufer-Segge (Carex riparia). Ebenso wie die volkstümlich Süßgräser genannten Poaceae besitzen auch die Sauergräser (Cyperaceae), zu denen unter anderem die Gattung Carex zählt, kleine Blüten ganz ohne auffälligen Schauapparat. Sie sind nicht leicht bestimmbar, was den Ehrgeiz junger Botanikerinnen und Botaniker stimulieren sollte.

Zwischen den Seggen (Carex) stehen zwei im blühenden Zustand vergleichsweise leicht von jedem zu identifizierende Pflanzen. Es sind Kalmus (Acorus calamus) und Sumpf-Schwertlilie (Iris pseudacorus). Wenn sie ohne Blüten oder den kolbigen Blütenstand nur anhand vegetativer Merkmale erkannt werden sollen, wird es schon schwieriger, sie zu unterscheiden. Hier am Teichufer in enger Nachbarschaft kann man sie im direkten Vergleich jedoch relativ leicht ansprechen. Der im 16. Jahrhundert aus Asien eingebürgerte, heilkräftige und würzende Kalmus hat grasgrüne, einseitig fein quer gefältelte Blätter, die ursprünglich hier heimische Iris dagegen glatte, blaugrüne. Das Rhizom der Schwertlilie wurde früher als falscher Kalmus bezeichnet.

Im Sommer blühen zwischen den Seggen am Ufer vier andere, hochwüchsige Arten. Auffällig ist z. B. der sehr selten gewordene Langblättrige Ehrenpreis (Veronica longifolia). Der viel häufiger vorkommende Ufer-Wolfstrapp (Lycopus europaeus) zeigt im unteren Teil des Stängels Platzwunden, aus denen schaumig weiß aussehendes Durchlüftungsgewebe (Aerenchym) hervorscheint, ein Phänomen der Anpassung an seinen sehr nassen und oft sauerstoffarmen Standort. Die langen, vielblütigen Infloreszenzen des Blut-Weiderichs (Lythrum salicaria) sind nicht zu übersehen, 38 um nur eine der intensiv rot blühenden Arten des Uferbewuchses zu nennen. Am ufernahen Rand des Schilf-Röhrichts findet man vom Hoch- bis in den Spätsommer die bis zu 3 m hohe, sehr seltene Sumpf-Gänsedistel (Sonchus palustris), die unter den gelb blühenden Sumpfpflanzen besonders auffällt.

Auf der freien Wasserfläche dominieren die großflächigen, ganzrandigen Schwimmblätter der Weißen Seerose (Nymphaea alba; Foto rechts). Im Spätjahr heben sie sich dicht gedrängt etwas über den Wasserspiegel hinaus. Wie die Gelbe Teichrose (Nuphar lutea) gehört sie zur ursprünglichsten und ältesten Gruppe der zweikeimblättrigen Blütenpflanzen, nämlich in die weitere Magnolien-Verwandtschaft.

Verlässt man den Teich und folgt dem Bachlauf bis zu einem Habitat in der Nähe der Atlantischen Zwergstrauchheide, finden sich einige Pflanzen der Flach- und Hochmoore, für die gärtnerisch geeignete Bedingungen geschaffen wurden. Unter anderem gedeiht dort die Schwanenblume (Butomus umbellatus), die zur Verwandtschaft des Froschlöffels (Alisma plantago-aquatica) zählt. Der Froschlöffel ist namengebend für eine ganze Ordnung (Alismatales; siehe unten), die weltweit mit nur etwa 400 Arten vertreten ist. Die meisten Arten davon stehen in Deutschland auf der Roten Liste. Einige sind in größeren Regionen Mitteleuropas bereits ausgestorben, teils durch rigorose Trockenlegung ihrer Standorte, teils durch den übermäßigen Eintrag von Düngemitteln, die auch in die verbleibenden Feuchtbiotope gelangen. Die Schwanenblume ist noch nicht gefährdet, da sie an nährstoffreiches Wasser angepasst ist. Sie ist aber doch schon seltener geworden.

Möchte man weitere seltene, schwer kultivierbare Wasserpflanzen aus der Nähe betrachten, empfiehlt sich ein Weg zur ehemaligen Systematischen Abteilung und zur benachbarten Sumpf- und Wasserpflanzenanlage mit ihren zahlreichen Wasserbecken, die zwar nicht schön, doch zweckmäßig sind. Hier stehen viele Rote Liste-Arten.

Den Kriechenden Sellerie (Apium repens) findet man wild nur noch im Nordwesten Europas. Dieser subatlantisch verbreitete Doldenblütler (Apiaceae) ist in vielen Bundesländern schon ausgestorben, in anderen ist er stark gefährdet. Mehr im Südwesten verbreitet und nach der Roten Liste auch noch nicht ganz so stark gefährdet ist der Knotenblütige Sellerie (Apium nodiflorum). 

Das Gewöhnliche Pfeilkraut (Sagittaria sagittifolia), welches wie die Schwanenblume ebenfalls zu den Alismatales gehört, findet man in dem Becken am Ende der Sumpf- und Wasserpflanzenanlage. Beim Pfeilkraut – früher wurden die stärkehaltigen Wurzeln wie Kartoffeln gegessen – stehen weibliche und männliche Blüten getrennt übereinander.

In einem Becken des ehemaligen Systems hinter dem Bauerngarten leuchten die zarten, hellgelben Blüten der Seekanne (Nymphoides peltata). Sie wurde in Hamburg „Blume der Freiheit“ genannt, weil sie im früher preußischen Stadtteil Altona nicht wachsen wollte. Weniger auffällig sind die weißen Blüten der Krebsschere (Stratiotes aloides), einer weiteren Froschlöffel-Verwandten. Interessant sind besonders ihre etwas untergetaucht „schwebenden“ Sprosse mit den stachelig berandeten Blättern, einer Aloe nicht unähnlich. Gefürchtet war die Krebsschere früher bei Fischern, weil sie, in Mengen auftretend, ihre Netze zerreißen und Hände verletzen konnte. Engländer nennen sie water soldier („Wasser-Soldat“). Das mag ein Grund für die weitgehende Ausrottung dieser Art sein.